Brandon Sanderson: Winde und Wahrheit [Rezension]

Cover © Heyne

Buchinformationen

TitelWinde und Wahrheit
Band9 von 10
AutorBrandon Sanderson
VerlagHeyne
ÜbersetzungMichael Siefener
ISBN978-3-453-27274-3
Seitenzahl1232
GenreHigh Fantasy
Bewertung4 von 5 Sterne

Klappentext

Auf der Welt Roschar brechen Konflikte auf, die schon seit Tausenden Jahren schwelen. Dalinar Kholin, der Bruder des ermordeten Großkönigs und nun der Anführer der Strahlenden Ritter, hat den bösen Gott Odium zu einem Wettkampf herausgefordert. Jetzt haben die Königreiche Roschars nur zehn Tage Zeit, um sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Das Schicksal der ganzen Welt – und das des gesamten Kosmeer – steht auf Messers Schneide.

Meine Meinung

Mit „Winde und Wahrheit“ erreicht Brandon Sanderson einen ganz besonderen Punkt innerhalb der Sturmlicht-Chroniken: Der Roman markiert den Auftakt zum Ende des ersten großen Handlungsbogens und ist zugleich der neunte Band der deutschen Ausgabe. Allein diese Einordnung erzeugt eine enorme Fallhöhe – schließlich steht hier weniger ein einzelnes Buch für sich, sondern ein Übergang, ein Innehalten vor dem finalen Sturm. Und genau so fühlt sich „Winde und Wahrheit“ auch an: bedeutungsschwer, vorbereitend, stellenweise ermüdend, aber letztlich unverzichtbar.

Auffällig ist zunächst das Tempo. Sanderson drosselt es noch einmal deutlich, vielleicht stärker, als man es nach den ohnehin nicht gerade kurzen Vorgängern erwartet hätte. Wer auf rasante Schlachten oder ständig neue Wendungen hofft, muss Geduld mitbringen. Gleichzeitig wäre es unfair, dem Buch Ereignisarmut vorzuwerfen. Im Gegenteil: Es passiert unglaublich viel – nur eben nicht immer sichtbar oder spektakulär. Gespräche, Erinnerungen, Enthüllungen und strategische Weichenstellungen dominieren den Roman. Man merkt auf nahezu jeder Seite, dass hier der Grundstein für den finalen Band gelegt wird. Figuren werden neu positioniert, Konfliktlinien geschärft und thematische Klammern geschlossen oder zumindest enger gezogen. Das fühlt sich oft mehr nach Aufbauarbeit als nach eigenständiger Dramaturgie an, was den Lesefluss stellenweise zäh macht, aber in seiner Gesamtheit beeindruckend durchdacht wirkt.

Besonders positiv fällt auf, dass Sanderson endlich stärker den Fokus auf Schinovar und die Herolde legt. Dieser Teil der Welt Roschars war lange eher ein mythischer Hintergrund, über den viel gesprochen, aber wenig gezeigt wurde. „Winde und Wahrheit“ ändert das spürbar. Die Einblicke in Kultur, Geschichte und Denkweisen Schinovars gehören zu den stärksten Momenten des Romans. Ebenso gewinnen die Herolde deutlich an Tiefe. Ihre Vergangenheit, ihre Schuld, ihre Müdigkeit – all das wird greifbarer und verleiht dem gesamten kosmischen Konflikt eine tragischere, fast melancholische Note. Gerade hier zeigt Sanderson erneut seine Stärke im langsamen, detailverliebten Weltenbau, auch wenn dieser Geduld verlangt.

Parallel dazu spitzt sich der Krieg gegen Odium immer weiter zu. Die Fronten sind klarer denn je, und das Gefühl der Unausweichlichkeit durchzieht den gesamten Roman. Alles läuft auf den großen, unvermeidlichen Kampf der Meister hinaus – ein Duell, das weniger als einzelne Schlacht, sondern vielmehr als Kulmination jahrelanger Vorbereitung verstanden werden muss. Diese Zuspitzung erzeugt eine permanente, unterschwellige Spannung, selbst in ruhigeren Passagen. Dennoch bleibt auch hier das Gefühl, dass der eigentliche Knall bewusst zurückgehalten wird. „Winde und Wahrheit“ ist das tiefe Einatmen vor dem letzten Schlag, nicht der Schlag selbst.

Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. „Winde und Wahrheit“ ist nicht der stärkste Band der Sturmlicht-Chroniken. Dafür fehlt ihm stellenweise die emotionale Wucht, die ikonischen Höhepunkte oder der narrative Drive früherer Teile. Gleichzeitig ist er ein notwendiger Band – vielleicht sogar einer der wichtigsten. Ohne diese sorgfältige Vorbereitung, ohne das Ausleuchten von Schinovar, den Herolden und den äußeren, sowie inneren Konflikten der Figuren, würde das Finale kaum die erhoffte Wirkung entfalten können. Resigniert legt man das Buch beiseite, vielleicht ein wenig erschöpft, aber auch voller Erwartung. Es ist keine Bewertung aus dem Bauch heraus, sondern eine aus Vernunft: Anerkennung für einen Band, der nicht glänzt, sondern die Last des Übergangs trägt – und sie trägt er solide.

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