Brandon Sanderson: Der Turm der Lichter [Rezension]

Cover © Heyne

Buchinformationen

TitelDer Turm der Lichter
Band8 von 10
AutorBrandon Sanderson
VerlagHeyne
ÜbersetzungMichael Siefener
ISBN978-3-453-27324-5
Seitenzahl1072
GenreHigh Fantasy
Bewertung5 von 5 Sterne

Klappentext

Die Völker der Welt Roschar wurden von einer scheinbar unbesiegbaren Armee überrannt. Nichts scheint gegen die unheimlichen Bringer der Leere standzuhalten. Fürst Dalinar, Hauptmann Kaladin, die Adlige Schallan und der Orden der Strahlenden Ritter sammeln alle verfügbaren Kräfte, doch zunächst müssen sie das Rätsel der Turmfestung Urithiru lösen und die magische Kraft des Sturmlichts nutzbar machen. Die Zeit drängt …

Meine Meinung

Wer glaubte, Brandon Sanderson könne das ohnehin monumentale Niveau der Sturmlicht-Chroniken nicht noch einmal übertreffen, wird mit „Der Turm der Lichter“ eindrucksvoll eines Besseren belehrt. Als achter Band der deutschen Ausgabe – und zugleich die zweite Hälfte des vierten Originalromans – ist dieses Buch weit mehr als ein weiterer Eintrag in der Reihe: Es ist ein emotionaler, erzählerischer und thematischer Höhepunkt, der mit Nachdruck unterstreicht, warum Sanderson zu den ganz Großen der modernen Fantasy zählt.

Nach sieben Bänden, die von politischen Ränkespielen, gewaltigen Schlachten, spirituellen Fragen und einer beeindruckenden Vielzahl vielschichtiger Figuren geprägt sind, erreicht „Der Turm der Lichter“ einen ganz besonderen Punkt innerhalb der Sturmlicht-Chroniken. Dieses Buch fühlt sich an wie ein Innehalten vor dem nächsten großen Sturm – und zugleich wie dessen leiser Vorbote. In nahezu jeder Szene ist spürbar, dass sich hier jahrelang gesponnene Handlungsfäden verdichten und aufeinander zubewegen. Brandon Sanderson nimmt sich bewusst Zeit: Er vertieft zentrale Motive, lässt seine Figuren reflektieren, zweifeln und wachsen, und verleiht selbst ruhigen Momenten ein enormes emotionales Gewicht. Gleichzeitig zieht sich durch den gesamten Roman eine latente, stetig anwachsende Spannung, die den Leser kaum loslässt und nur selten Raum zum Durchatmen bietet. Trotz seines beträchtlichen Umfangs wirkt der Roman dabei bemerkenswert geschlossen und fokussiert. Der namensgebende Turm ist weit mehr als nur ein Schauplatz – er wird zum symbolischen Herzstück der Geschichte. Hier treffen Macht und Wissen, Identität und Hoffnung unmittelbar aufeinander, verdichten sich zu Konflikten von gewaltiger Tragweite und machen den Turm zu einem Sinnbild für alles, was in dieser Phase der Reihe auf dem Spiel steht.

Die Geschichte setzt nahtlos dort an, wo „Der Rhythmus des Krieges“ endet. Kaladin stellt sich nahezu im Alleingang den Besatzern von Urithiru, entschlossen, den Zwilling zu retten – doch der Feind scheint ihm stets einen Schritt voraus zu sein. Gleichzeitig kämpft Kaladin einen mindestens ebenso erbitterten Kampf in seinem Inneren, denn die Dunkelheit, die ihn seit Langem verfolgt, droht ihn endgültig zu verschlingen. Navani hingegen befindet sich in Gefangenschaft, kann Kaladin jedoch wertvolle Hinweise zukommen lassen. Unter dem Einfluss von Raboniel wird sie dazu gedrängt, Forschungen anzustellen – scheinbar mit der Aussicht, dabei Erkenntnisse zu gewinnen, die den Feinden schaden könnten. Doch Raboniels wahre Absichten reichen weitaus tiefer und sind alles andere als selbstlos. Während die Armee der Koalition weiterhin an mehreren Fronten gegen die feindlichen Mächte kämpft, sucht Dalinar nach einem alternativen Weg zur Lösung des Konflikts. Dabei muss er sich auch mit einem Verräter auseinandersetzen, der noch für eine unerwartete Wendung sorgt.

Auch der Storyzweig in Schadesmar geht weiter. Schallan reist weiterhin an der Seite von Adolin zu den Ehrensprengseln. Dort steht Adolin vor der gewaltigen Aufgabe, in einem Prozess zu beweisen, dass die Menschen würdig sind, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Da seine Chancen alles andere als gut stehen, ist Schallan entschlossen, ihm zu helfen – koste es, was es wolle. Doch dieser Weg zwingt sie einmal mehr dazu, sich den Schatten ihrer eigenen Vergangenheit zu stellen.

Das emotionale Zentrum von „Der Turm der Lichter“ ist ohne jeden Zweifel Kaladin. Seine Rolle in diesem Band ragt heraus wie nie zuvor und gehört zu den eindrucksvollsten Charakterzeichnungen, die Sanderson ihm bislang gewidmet hat. Kaladin ist hier nicht mehr primär der strahlende Krieger auf dem Schlachtfeld, sondern der Mensch hinter der Legende – gezeichnet, zweifelnd und bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit gefordert. Statt äußerer Heldentaten steht vor allem der innere Kampf im Vordergrund: das Gewicht der Verantwortung, die lähmende Schuld vergangener Entscheidungen, tiefe Erschöpfung und der beinahe verzweifelte Versuch, andere zu retten, ohne sich selbst dabei vollständig aufzugeben. Sanderson nähert sich diesen Themen mit großer Sensibilität und spürbarem Respekt vor der Figur. Nichts wirkt überzeichnet oder plakativ – jede Entscheidung, jeder Rückschlag fühlt sich verdient und schmerzhaft real an. Kaladins Entwicklung ist roh, ehrlich und zutiefst menschlich. Gerade weil sein Weg so wenig glorifiziert wird und im Rahmen dessen auch psychische Probleme vertieft werden, entfaltet er eine enorme emotionale Wucht.

Und dann ist da dieses Ende. Ohne auch nur ansatzweise zu spoilern lässt sich sagen: „Der Turm der Lichter“ beendet seine Geschichte nicht – es wirft sie um. Was zuvor mühsam aufgebaut, sicher geglaubt und strategisch eingeordnet schien, wird in den letzten Kapiteln wie ein sorgfältig gelegtes Kartenspiel vom Tisch gefegt. Enthüllungen folgen Schlag auf Schlag, Wendungen drehen bekannte Wahrheiten auf links, und entscheidende Handlungen zwingen den Leser, die bisherige Dynamik der gesamten Reihe neu zu bewerten. Karten, von denen man glaubte, ihren Wert zu kennen, entpuppen sich als Trümpfe – andere verlieren plötzlich jede Bedeutung. Allianzen verschieben sich, Rollen wechseln, und scheinbar fest verteilte Positionen werden neu ausgeteilt. Freund und Feind, Ziel und Opfer, Licht und Schatten lassen sich nicht länger klar voneinander trennen. Sanderson mischt das Deck nicht nur neu, er verändert die Spielregeln selbst – und lässt uns mit einer Hand zurück, deren Konsequenzen man erst langsam begreift. Dieses Finale ist mutig, kompromisslos und von einer erzählerischen Wucht, die lange nachhallt. Es fühlt sich an wie der Moment, in dem der Croupier innehält, die Karten einsammelt und neu mischt – und man instinktiv weiß: Die nächste Runde wird gefährlicher, unberechenbarer und entscheidender als alles zuvor. Nach diesem Ende ist eines sicher: Nichts in den Sturmlicht-Chroniken wird jemals wieder so sein wie zuvor.

„Der Turm der Lichter“ ist ein außergewöhnlich starker Band. Der Roman überzeugt durch große emotionale Tiefe, erzählerische Präzision und thematische Relevanz – gekrönt von einem Finale, das noch lange nach dem Zuklappen des Buches nachhallt. Kaladin erstrahlt in einer Intensität wie nie zuvor, während Schallan und Adolin spürbar an Gewicht, Komplexität und Bedeutung gewinnen. Mit diesem Band beweist Brandon Sanderson einmal mehr, dass High Fantasy weit mehr sein kann als das Spektakel epischer Schlachten: Sie kann zutiefst menschlich, bewegend und nachhaltig berührend sein. Ein erzählerischer und mitreißender Höhepunkt reiht sich an den nächsten, bis am Ende alle Karten neu gemischt sind – und nichts auf Roschar jemals wieder so sein wird wie zuvor.

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