T. J. Klune: Das Lied des Wolfes [Rezension]

Cover © Heyne

Buchinformationen

TitelDas Lied des Wolfes
Band1 von 4
AutorT. J. Klune
VerlagHeyne
ÜbersetzungMichael Pfingstl
ISBN978-3-453-32360-5
Seitenzahl688
GenreContemporary Fantasy, Romantasy
Bewertung4 von 5 Sterne

Klappentext

Oxnard Matheson ist zwölf als sein Vater die Familie verlässt. Ox fühlt sich ungeliebt und wertlos – und irgendwie anders als andere Jungs in seinem Alter. Ox ist sechzehn, als die Familie Bennett nach Green Creek kommt. Die Bennetts sind lebensfroh und charismatisch – und Werwölfe. Ox fühlt sich unwiderstehlich angezogen von dieser aufregenden neuen Welt voll Magie, Freundschaft und Abenteuer. Doch als Ox dreiundzwanzig ist, geschieht ein Mord und nichts ist mehr wie zuvor …

Meine Meinung

Wer schon einmal ein Buch von T. J. Klune gelesen hat, weiß: Bei ihm bekommt man keine leichte Kost – zumindest emotional nicht. Seine Geschichten sind tiefgründig, oft schräg, manchmal etwas überzeichnet, aber immer mit einem Herzschlag für Themen wie Zugehörigkeit, Liebe und Identität. „Das Lied des Wolfes“ reiht sich da nahtlos ein – allerdings nicht ohne ein paar Stolpersteine, über die man als Leser zuerst hinwegkrabbeln muss, bevor man endlich laufen darf.

Geduld ist eine Tugend. Und man braucht davon einiges, um sich durch die erste Hälfte dieses Romans zu arbeiten. Die Geschichte nimmt sich viel Zeit, um warm zu werden – und damit meine ich nicht nur das Kennenlernen der Figuren oder den Aufbau der Welt, sondern gefühlt jede einzelne Interaktion im kleinen Örtchen Green Creek. Klune setzt auf Atmosphäre, auf das stille Brodeln unter der Oberfläche, und ja, das ist irgendwo auch seine Stärke – aber irgendwann fragt man sich dann doch, ob denn noch was passiert, bevor man ein graues Haar mehr hat. Spoiler: Es passiert. Aber eben erst ab etwa der Hälfte.

Oxnard Matheson – kurz Ox – ist ein ganz eigener Charakter. In den ersten Kapiteln erinnert er so stark an Forrest Gump, dass man fast darauf wartet, dass er ein paar Pralinen anbietet. Er wirkt naiv, langsam in der Auffassung, zurückhaltend – einfach anders. Und genau das macht ihn aus. Denn Klune traut sich, einen Helden zu zeichnen, der nicht mit scharfem Witz oder intellektueller Überlegenheit glänzt, sondern mit Loyalität, Gefühl und innerer Stärke. Und wie er sich entwickelt! Von einem verunsicherten Jungen zu einem tragenden Fels für eine ganze Gemeinschaft – Ox wächst über sich hinaus, und das ist zweifellos einer der bewegendsten Aspekte des Buches.

Dann wäre da noch Joe. Ein Charakter, der weitaus mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Als Zehnjähriger wirkt er traumatisiert, verletzlich, ja fast zerbrechlich. Seine Beziehung zu Ox beginnt in dieser Phase – und genau da wird es heikel. Denn schnell wird deutlich, dass sich aus dieser Verbindung mehr entwickeln soll als eine platonische Freundschaft. Joe gibt Ox seinen Wolf – ein symbolischer Akt, der laut Werwolf-Kodex ausdrückt: „Ich liebe dich.“ Ox ist zu dem Zeitpunkt 16. Joe 10. Unbehagen? Definitiv. Auch wenn Klune sich bemüht, diese Beziehung sehr behutsam zu erzählen und die romantische Entwicklung erst Jahre später wirklich aufzunehmen, bleibt der Beigeschmack bestehen.

Und als Erwachsener? Da wird Joe nicht unbedingt einfacher. Seine Liebe zu Ox schlägt gerne mal in Besitzdenken um, was nicht nur problematisch, sondern auch unnötig anstrengend ist. Er will führen, kontrollieren, bestimmen – auch Ox. Was schade ist, denn in den ruhigen Momenten blitzt auch bei Joe eine tiefere Verletzlichkeit auf, die man sich häufiger gewünscht hätte.

Was „Das Lied des Wolfes“ jedoch mit Bravour schafft, ist die emotionale Tiefe in Bezug auf Familie und Zugehörigkeit. Klune dekonstruiert das klassische Familienbild und zeigt, dass wahre Bindung nichts mit Blutsverwandtschaft zu tun haben muss. Die Werwolf-Dynamiken im Buch sind ein schönes Gleichnis für Wahlfamilien – Menschen und Wölfe, die sich gegenseitig tragen, beschützen und lieben, weil sie es wollen, nicht weil sie müssen. Und das trifft mitten ins Herz.

„Das Lied des Wolfes“ ist ein langsamer, manchmal fast zu behutsamer Roman, der aber mit einem unglaublichen emotionalen Nachhall endet. Wer sich durch das erste Drittel durchbeißt, wird mit starken Charakterentwicklungen, einer tiefen Familiengeschichte und Klunes unverwechselbarem Stil belohnt. Die Liebesgeschichte zwischen Ox und Joe mag nicht für jeden funktionieren – und die Frage nach dem Timing dieser Beziehung bleibt berechtigt kritisch – doch der Rest des Romans glänzt durch seine Botschaft: Familie ist, wo du angenommen wirst. Egal, ob du Zähne hast oder nicht.

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