Amie Kaufman, Jay Kristoff: Obsidio [Rezension]

Cover © dtv

Buchinformationen

TitelGemina – Die Illuminae Akten_03
Band3 von 3
AutorAmie Kaufman, Jay Kristoff
Verlagdtv
ÜbersetzungGerald Jung, Katharina Orgaß
ISBN978-3-423-76357-8
Seitenzahl624
GenreScience-Fiction
Bewertung4 von 5 Sterne

Klappentext

Kady, Ezra, Hanna und Nik sind nur knapp dem Angriff auf die Sprungstation Heimdall entkommen und befinden sich nun mit 2.000 anderen Flüchtlingen auf dem Frachtschiff Mao. Da der Zugang zum Wurmloch zerstört ist und die Vorräte knapp werden, bleibt ihnen nur, nach Kerenza zurückzukehren – zu dem Ort, von dem sie vor sieben Monaten vor einer feindlichen Invasion flohen.
Währenddessen hat Asha, Kadys Cousine, BeiTechs Überfall auf Kerenza überlebt und sich dem dortigen Widerstand angeschlossen. Als Rhys, Ashas verflossene Liebe und mittlerweile BeiTech-Soldat, auftaucht, stehen sie sich auf feindlichen Seiten gegenüber. Und während die Uhr tickt, beginnt ein allerletzter Kampf auf dem Planeten und im Weltraum, Helden fallen und Herzen werden gebrochen.

Meine Meinung

Nach den packenden ersten beiden Bänden der „Illuminae Akten“ war die Erwartung an „Obsidio“, dem finalen Band, entsprechend hoch. Wieder setzen Amie Kaufman und Jay Kristoff auf ihr unverkennbares Stilmittel: eine Dokumentation in Form von Chat-Protokollen, Einsatzberichten, Videologs und KI-Auswertungen. Dieser mutige, unkonventionelle Stil bleibt auch im letzten Teil ein Highlight – doch inhaltlich offenbart „Obsidio“ leider einige Schwächen, die es vom potenziellen Meisterwerk etwas abdriften lassen. Dennoch: 4 von 5 Sternen gibt es für Spannung, Stil und das ambitionierte Finale.

Wer „Obsidio“ zur Hand nimmt, sollte vor allem eines mitbringen: Geduld. Denn der Einstieg gestaltet sich langatmig – und das nicht nur im übertragenen Sinne. Die Autoren lassen sich viel Zeit, um die Ausgangslage detailliert zu schildern, neue Charaktere in das ohnehin schon komplexe Geflecht einzuführen und lose Enden aus „Illuminae“ und „Gemina“ miteinander zu verknüpfen. Dabei verliert sich die Handlung über weite Strecken in erklärenden Passagen, taktischen Lagebesprechungen und atmosphärischem, aber trägem Worldbuilding. Für eingefleischte Fans mag dieser Rückgriff auf frühere Ereignisse eine willkommene nostalgische Rückschau darstellen – wie ein Wiedersehen mit alten Freunden nach langer Zeit. Für alle, die auf Spannung, Tempo und Dynamik hoffen, entpuppt sich der Auftakt hingegen als echter Härtetest.

Die ersten paar hundert Seiten verlangen Durchhaltevermögen, denn die Geschichte tritt mehrmals auf der Stelle. Das Gefühl, dass etwas Großes bevorsteht, ist zwar konstant präsent – doch es bleibt über lange Strecken genau das: ein Gefühl. Erst im zweiten Drittel beginnt sich der Plot spürbar zu bewegen. Dann jedoch entfaltet sich die Geschichte mit dem bekannten Sog, den man aus den Vorgängerbänden kennt und liebt: Actionreiche Szenen, nervenaufreibende Enthüllungen, moralische Dilemmata und ein Gefühl permanenter Bedrohung treiben die Handlung nun mit rasantem Tempo voran. In dieser Phase läuft „Obsidio“ zu Hochform auf – mitreißend, eindringlich, kompromisslos. Doch man fragt sich unweigerlich, ob die langatmige Exposition tatsächlich notwendig war. Hätte ein strafferer, präziserer Einstieg nicht für eine insgesamt stärkere Wirkung gesorgt? Die emotionale und narrative Tiefe, die das Finale schließlich entfaltet, hätte dadurch möglicherweise noch intensiver gewirkt – statt mühsam freigelegt werden zu müssen.

Einer der auffälligsten Kritikpunkte betrifft die romantische Komponente – nicht nur in „Obsidio“, sondern in allen drei Teilen der Trilogie. Die Autoren verfolgen konsequent die Formel: Zwei Protagonisten pro Band, die sich (wieder) ineinander verlieben. Während das bei Kady & Ezra in „Illuminae“ noch funktionierte, weil die Beziehung mit echtem Konflikt und emotionaler Tiefe verbunden war, wirkte es in „Gemina“ bereits etwas vorhersehbar. In „Obsidio“ ist es dann leider schlicht unglaubwürdig. Die Liebesgeschichte zwischen Asha und Rhys fühlt sich aufgesetzt an – weniger wie eine natürlich gewachsene Beziehung, sondern eher wie ein notwendiges Puzzlestück, das man aus narrativer Tradition eingefügt hat. Ihre Dynamik bleibt blass und weit hinter der Intensität früherer Pärchen zurück. Das ist schade, denn dadurch verliert der dritte Band emotional an Schlagkraft, obwohl das Szenario dramatisch genug wäre, um tiefer zu berühren.

Auffällig dabei ist: Dieses Muster ist kein Einzelfall, sondern ein altbekanntes Problem in den Werken von Kaufman und Kristoff. Bereits in der „Aurora Rising“-Trilogie wurde diese Struktur nahezu identisch durchgespielt. Auch dort wirkte die Romantik stellenweise bemüht und ließ der Charakterentwicklung wenig Raum. Für Leser, die sich mehr Vielschichtigkeit oder auch einfach mal Abweichung vom Schema F wünschen, ist das frustrierend – insbesondere, weil das Autorenduo bewiesen hat, dass sie zu viel mehr fähig sind.

Ein weiterer Knackpunkt: Die neuen Hauptfiguren Asha Grant und Rhys Lindstrom wirken im Vergleich zu ihren Vorgängern wie Schatten. Während Kady und Ezra sowie Hanna und Nik mit Ecken, Kanten und starken Stimmen glänzten, bleiben Asha und Rhys flach. Ihre Entscheidungen wirken oft nicht nachvollziehbar, ihre Dialoge verlieren sich in Klischees oder Zweckmäßigkeit. Das lässt sie in einem Ensemble aus lebendigen Nebenfiguren und alten Bekannten schlicht untergehen. Paradoxerweise sind es in „Obsidio“ die bereits bekannten Charaktere, die den Band tragen. Die Rückkehr von Kady, Ezra, Hanna und Nik bringt frischen Wind und Dynamik, die man sich eigentlich von den neuen Protagonisten erhofft hätte. Besonders die Interaktionen mit AIDAN, der KI mit Gottkomplex, sorgen weiterhin für Gänsehaut-Momente und philosophische Tiefe.

„Obsidio“ ist ein würdiger Abschluss für eine der visuell und strukturell innovativsten Sci-Fi-Reihen der letzten Jahre. Die große Stärke des Bandes liegt in seinem Konzept, seinem Mut zur Andersartigkeit und seiner meisterhaften Inszenierung des Chaos. Die Schwächen – vor allem der zähe Einstieg, die wenig überzeugende Liebesgeschichte und die unterentwickelten Hauptfiguren – verhindern jedoch, dass „Obsidio“ auf dem Level seiner Vorgänger glänzen kann. Trotzdem bleibt die Trilogie ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst. Und „Obsidio“, trotz seiner Mängel, bringt die Geschichte zu einem befriedigenden Ende. Fans sollten sich also nicht abschrecken lassen – ein wenig Geduld zahlt sich am Ende aus.

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