
Buchinformationen
| Titel | Gemina – Die Illuminae Akten_02 |
| Band | 2 von 3 |
| Autor | Amie Kaufman, Jay Kristoff |
| Verlag | dtv |
| Übersetzung | Gerald Jung, Katharina Orgaß |
| ISBN | 978-3-423-76232-8 |
| Seitenzahl | 672 |
| Genre | Science-Fiction |
| Bewertung | 5 von 5 Sterne |
Klappentext
Hanna ist die verwöhnte Tochter des Kommandanten der Sprungstation Heimdall, Nik der zweifelnde Sohn des Mafia-Clans. Beide hadern mit dem Leben an Bord der langweiligsten Raumstation des Alls, bis eine feindliche Kampfeinheit die Station angreift, nach und nach die Bewohner der Station dezimiert, während ein Funktionsausfall des Wurmlochs das Raum-Zeit-Kontinuum zu zerfetzen droht. Hanna und Nik kämpfen nun nicht mehr nur um das eigene Überleben und ihre neu gefundene Liebe – das Schicksal der Heimdall und wahrscheinlich das des gesamten Universums liegt in ihren Händen. Aber keine Panik. Sie schaffen das. Hoffen sie jedenfalls.
Meine Meinung
Wenn man „Gemina“, den zweiten Band der „Illuminae Akten“-Trilogie von Jay Kristoff und Amie Kaufman, zur Hand nimmt, begibt man sich nicht einfach in eine weitere Reise – man tritt durch ein Portal in ein erzählerisches Experiment voller Wucht, Tempo und emotionaler Tiefe. Nach dem hochgelobten ersten Band „Illuminae“ waren die Erwartungen hoch – „Gemina“ übertrifft sie mit Leichtigkeit. Wer dachte, dass Science-Fiction im Jugendbuchbereich stagnieren würde, hat dieses Buch noch nicht gelesen.
„Gemina“ spielt teilweise zeitgleich zu den Ereignissen von „Illuminae“, verlagert den Schauplatz jedoch auf die Sprungstation Heimdall – ein strategisch wichtiges Portal am Rande des bekannten Universums. Die Geschichte folgt zwei neuen Protagonisten: Hanna Donnelly, der verwöhnten Tochter des Kommandanten, die weit mehr kann als nur Designerkleidung tragen, und Nik Malikow, Mitglied einer lokalen Verbrecherfamilie mit einem düsteren, aber loyalen Herzen. Als die Station von der skrupellosen Einsatztruppe der Firma BeiTech angegriffen wird, geraten Hanna und Nik mitten in eine Verschwörung, die nicht nur ihre Station, sondern das gesamte Universum bedrohen könnte. Zwischen dem Countdown eines Dimensionsrisses, blutrünstigen außerirdischen Parasiten und einem sich entfaltenden Zeitschleifen-Paradoxon entfaltet sich ein Plot, der rasanter und kreativer kaum sein könnte.
Wie schon in „Illuminae“ wird auch „Gemina“ nicht als klassischer Prosaroman erzählt. Stattdessen erleben wir die Handlung durch ein Dossier aus Chat-Protokollen, Überwachungskamera-Transkripten, Tagebuchnotizen, Karten, Kritzeleien, und anderen visuellen Elementen, die nicht nur den Lesefluss aufbrechen, sondern den Leser aktiv in das Geschehen hineinziehen. Gerade diese ungewöhnliche Struktur macht „Gemina“ zu einem echten Erlebnis. Man liest nicht – man forscht, blättert, analysiert, fiebert mit. Die grafische Gestaltung ist ein Meisterwerk für sich, und man merkt dem Buch an, wie viel Liebe zum Detail in jedem Layout steckt. Trotz der ungewöhnlichen Form verliert man nie den emotionalen Faden, denn Kaufman und Kristoff verstehen es meisterlich, in kurzen Dialogen oder Tagebuchnotizen Charaktertiefe zu erzeugen.
Hanna Donnelly entpuppt sich schnell als weit mehr als nur die verwöhnte Tochter eines militärischen Kommandanten. Was auf den ersten Blick wie ein typisches Teenager-Klischee wirken könnte, wird durch ihre bemerkenswerte Wandlung zu einer taktisch versierten Kämpferin eindrucksvoll durchbrochen. Hinter der Fassade aus Designerkleidung und gesellschaftlichen Erwartungen verbirgt sich ein messerscharfer Verstand, eiserner Wille und eine unerschütterliche Widerstandskraft. Mit trockenem Sarkasmus, bemerkenswerter Selbstdisziplin und emotionaler Tiefe wächst Hanna im Verlauf der Handlung über sich hinaus und avanciert zu einer der komplexesten Protagonistinnen, die das Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat.
An ihrer Seite steht Nik Malikow – ein Charakter, der in seiner Zerrissenheit gleichermaßen fesselt wie berührt. Mit seiner kriminellen Herkunft, tätowierten Vergangenheit und rauen Schale mag er auf den ersten Blick bedrohlich wirken, doch unter der Oberfläche schlummert ein verletzlicher, zutiefst loyaler Mensch, der bereit ist, alles zu opfern, um die zu schützen, die ihm etwas bedeuten. Die Beziehung zwischen Hanna und Nik entwickelt sich nicht überhastet, sondern wächst behutsam aus gegenseitigem Respekt, Vertrauen und gemeinsam durchlebter Gefahr. Es ist keine flüchtige Romanze, sondern eine tiefe, glaubwürdige Verbindung, die sich in der Glut der Krise formt und dabei frei bleibt von gängigen Liebesklischees – intensiv, echt und mitreißend.
Auch die Nebenfiguren glänzen mit Charaktertiefe und Präsenz – allen voran Niks Cousine Ella, die sich mit Leichtigkeit einen festen Platz im Herzen der Leser sichert. Trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkungen – sie sitzt im Rollstuhl und ist auf lebenserhaltende Geräte angewiesen – strahlt Ella eine ungeheure geistige Stärke und eine rebellische Energie aus, die den Roman um eine ganz eigene Dynamik bereichern. Als brillante Hackerin mit scharfem Verstand und noch schärferer Zunge sorgt sie nicht nur für entscheidende Wendepunkte in der Handlung, sondern auch für herrlich sarkastische Dialoge, die dem düsteren Setting wohltuende Leichtigkeit und Humor verleihen. Ihre Schlagfertigkeit, gepaart mit einer unverbrüchlichen Loyalität gegenüber ihrer Familie, macht sie zu einer unverzichtbaren Figur im Ensemble.
Darüber hinaus dürfen sich Fans des ersten Bandes auf ein ganz besonderes Detail freuen: Es gibt ein Wiedersehen mit vertrauten Gesichtern, deren Auftritte nicht nur nostalgische Freude wecken, sondern auch auf raffinierte Weise die Verbindungen zwischen den beiden Erzählsträngen vertiefen. Diese Rückkehrer sorgen dafür, dass das Universum der „Illuminae Akten“ sich wie ein lebendiger, zusammenhängender Kosmos anfühlt – komplex, durchdacht und voller emotionaler Wiederhaken. So wird „Gemina“ nicht nur zur Fortsetzung, sondern zu einem echten Bindeglied, das Vergangenheit und Zukunft der Trilogie kunstvoll miteinander verwebt.
So rasant und adrenalingeladen die Handlung auch voranschreitet, so überraschend tiefgründig sind die Fragen, die zwischen den Explosionen, Verfolgungsjagden und Paradoxen aufgeworfen werden. Jay Kristoff und Amie Kaufman beweisen einmal mehr, dass große Action und große Ideen sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig verstärken können. Hinter der spektakulären Kulisse aus Raumstationen, Wurmlochphysik und tödlichen Parasiten verhandelt der Roman zentrale Themen der Gegenwart – und entlarvt dabei die fragile Natur unserer Wirklichkeit.
Ebenso stellt der Roman eine eindringliche moralische Frage: Wie weit darf ein Unternehmen gehen, wenn Profit und Kontrolle über Leben und Tod entscheiden? In einer Welt, in der Konzerne wie BeiTech mit tödlicher Effizienz agieren, wird die Grenze zwischen wirtschaftlicher Macht und moralischem Bankrott gefährlich unscharf.
„Gemina“ ist alles, was man sich von einem zweiten Band einer Trilogie wünschen kann – es erweitert das Universum, vertieft die Handlung, stellt neue Charaktere vor, ohne den Faden zum Vorgänger zu verlieren, und lässt einen atemlos zurück. Kaufman und Kristoff beweisen erneut, dass sie nicht nur mit Ideenreichtum, sondern auch mit erzählerischem Können und mutigem Design brillieren können. Wer sich auf dieses Buch einlässt, sollte sich anschnallen – es wird ein Ritt durch Wurmlöcher, Showdowns, Herzensbrüche und Erkenntnisse, die einen noch lange beschäftigen.