
Buchinformationen
| Titel | Die unerhörte Reise der Familie Lawson |
| Band | Einzelband |
| Autor | T. J. Klune |
| Verlag | Heyne |
| Übersetzung | Michael Pfingstl |
| ISBN | 978-3-453-32145-8 |
| Seitenzahl | 480 |
| Genre | Science-Fiction |
| Bewertung | 5 von 5 Sterne |
Klappentext
In einem Baumhaus hoch oben in den Wipfeln eines idyllischen Hains lebt Familie Lawson: Vater Giovanni Lawson ist ein Roboter, sein Sohn Victor Lawson ist ein Mensch. Mit ihnen wohnen dort noch ein Pflegeroboter mit einem leichten Hang zum Sadismus und ein schüchterner kleiner Staubsauger. Eines Tages entdeckt Vic einen beschädigten Androiden namens Tom im Wald und repariert ihn. Dann wird Giovanni von seiner Vergangenheit eingeholt und in die Stadt der elektrischen Träume verschleppt, wo er neu programmiert werden soll. Gemeinsam mit seiner Patchworkfamilie begibt sich Victor auf die gefährliche Reise, um Giovanni zu retten. Und inmitten widersprüchlicher Gefühle von Verrat und Zuneigung zu Tom muss Victor für sich selbst entscheiden: Kann er eine Liebe mit Bedingungen akzeptieren?
Meine Meinung
T. J. Klune kann man inzwischen blind vertrauen: Wo sein Name draufsteht, wartet eine Geschichte, die gleichzeitig urkomisch, tieftraurig, warmherzig und philosophisch ist. „Die unerhörte Reise der Familie Lawson“ ist dafür das perfekte Beispiel; ein Roman, der sich anfühlt wie eine Umarmung, während er einem gleichzeitig das Herz bricht und den Kopf verdreht. Wie so oft bei Klune bewegt sich die Handlung in einer ungewöhnlichen Welt: in einer fernen Zukunft, in der es kaum noch Menschen gibt. Die Erde wird überwiegend von Maschinen bevölkert – Robotern mit Namen, Macken, Ängsten und vielleicht sogar Gefühlen. Schon dieses Setting trägt unverkennbar Klunes Handschrift: futuristisch, aber niemals kalt. Statt technischer Details stehen Emotionen, Beziehungen und Identität im Vordergrund.
Im Zentrum der Geschichte steht Victor Lawson und seine Familie, wobei der Begriff Familie hier neu definiert werden muss. Denn niemand aus dieser Gemeinschaft ist blutsverwandt mit ihm. Stattdessen besteht sie aus Robotern unterschiedlichster Bauarten, Persönlichkeiten und Programmierungen. Genau hier entfaltet Klune seine größte Stärke: das Thema Found Family. Diese Familie ist nicht durch Gene verbunden, sondern durch Liebe, Loyalität und gegenseitige Verantwortung. Sie streiten, sie beschützen einander und sie wachsen gemeinsam wie jede echte Familie. Die Beziehung zwischen Victor und seinen Maschinenfreunden ist berührend ehrlich und zeigt, dass Familie nicht das ist, was man bekommt, sondern das, was man wählt, und dass Zugehörigkeit nichts mit Herkunft, sondern alles mit Akzeptanz zu tun hat.
Besonders mutig und emotional ist die Liebesgeschichte, die Klune erzählt. Sie sprengt alle klassischen Kategorien und wirft Fragen auf, die lange nachhallen. Können Maschinen lieben? Können sie trauern? Können sie Angst haben oder ist alles nur Simulation? Die Liebesbeziehung in diesem Roman ist zart, verletzlich und zutiefst menschlich, obwohl sie zwischen Victor und einem Wesen entsteht, das per Definition kein Mensch ist. Klune zwingt uns damit, unsere Vorstellungen von Gefühl, Bewusstsein und Identität zu hinterfragen. Was bedeutet es eigentlich, zu fühlen, und wer darf bestimmen, ob diese Gefühle echt sind? Diese Fragen bleiben nie theoretisch, sondern sind eingebettet in Dialoge voller Witz, Charme und Schmerz. Es ist eine Liebesgeschichte, die gleichzeitig Hoffnung schenkt und das Herz schwer macht.
Ein zentrales Thema des Romans ist die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Maschine. Wie sehr können Roboter den Menschen gleichen? Wie weit können sie sich von ihrer eigenen Programmierung entfernen? Und was passiert, wenn sie anfangen, Dinge zu tun, die nicht vorgesehen waren – wie lieben, zweifeln oder sich opfern? Gerade dieser Konflikt zwischen Code und freiem Willen gehört zu den poetischsten Aspekten des Buches. Die Roboter wirken oft menschlicher als die wenigen Menschen, die noch existieren. Sie zeigen Mitgefühl, Humor und Mut, während sie gleichzeitig immer wieder mit ihrer eigenen Natur konfrontiert werden. Klune gelingt hier etwas Besonderes: Er erzählt Science-Fiction, die sich nicht nach Technik anfühlt, sondern nach Philosophie mit Herz.
Was dieses Buch letztlich so einzigartig macht, ist sein Ton. Es ist unsagbar witzig, zugleich traurig, zutiefst berührend, poetisch und mit einem frivolen Charme versehen, der nie ins Lächerliche kippt. Man lacht laut und blinzelt im nächsten Moment Tränen weg. Diese Mischung beherrscht Klune meisterhaft und verleiht der Geschichte eine emotionale Tiefe, die lange nach dem Lesen nachhallt.
„Die unerhörte Reise der Familie Lawson“ ist viel mehr als eine einfache Geschichte über Roboter. Es ist ein Roman über Familie, Liebe, Identität und die Frage, was es bedeutet, lebendig zu sein. Er zeigt, dass selbst in einer Welt ohne Menschen Menschlichkeit existieren kann und dass Liebe nicht an Körper, Herkunft oder Programmierung gebunden ist. Dieses Buch ist unsagbar witzig, traurig, berührend, poetisch und frivol zugleich. Ein typischer Klune – und genau deshalb ein kleines Meisterwerk. Ein Highlight, das man nicht nur liest, sondern fühlt.
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