Jay Kristoff: Das Reich der Verdammten [Rezension]

Buchinformationen

TitelDas Reich der Verdammten
Band2 von 3
AutorJay Kristoff
VerlagFischer TOR
ÜbersetzungKirsten Borchardt
ISBN978-3-596-70042-4
Seitenzahl1008
GenreDark Fantasy, High Fantasy
Bewertung4 von 5 Sterne

Klappentext

Nachdem Gabriel de León den Orden der Silberwächter verlassen hat, begibt er sich zusammen mit seiner mysteriösen Verbündeten Liathe auf die Suche nach dem Ursprung der Vampirherrschaft: Er soll den Gral zu einem Weisen des uralten Volks der Esani bringen, um zu erfahren, wann der Fluch begann – und wie er sich beenden lässt. Doch verfolgt von den Kindern des Ewigen Königs und der Heiligen Inquisition, ist kein Schritt gefahrlos, denn Verrat lauert hinter jeder Ecke. Und dass Gabriel und seine Gefährten in einen Krieg hineingezogen werden, der seit Jahrhunderten in der Dunkelheit ausgefochten wird, verbessert ihre Erfolgsaussichten auch nicht gerade …

Meine Meinung

Mit „Das Reich der Verdammten“ setzt Jay Kristoff seine düstere Vampir-Fantasy rund um den Antihelden Gabriel de León fort und liefert den zweiten Band eben jener Trilogie, die sich kompromisslos der Finsternis verschrieben hat. Als direkte Fortsetzung knüpft der Roman nahezu nahtlos an die Ereignisse von „Das Reich der Vampire“ an und greift nicht nur dessen Handlung, sondern auch dessen erzählerisches Grundgerüst wieder auf.

Der Einstieg fühlt sich vertraut an: Wieder einmal sitzt Gabriel vor einem vampirischen Chronisten, wieder einmal soll er seine Lebensgeschichte erzählen – und wieder einmal tut er dies mit beißendem Zynismus, schwarzem Humor und einer Weltsicht, die von Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Diese erzählerische Rahmung funktioniert grundsätzlich weiterhin gut, da Gabriels Stimme nach wie vor zu den größten Stärken der Reihe zählt. Seine sarkastischen Kommentare, seine Selbstverachtung und seine schon fast nihilistische Grundhaltung verleihen der Geschichte eine markante Tonalität, die sich klar von klassischer High Fantasy abhebt. Gleichzeitig sorgt genau diese Wiederholung des Ausgangspunkts aber auch für ein erstes Gefühl von Stillstand. Vieles wirkt bekannt, beinahe zu vertraut, als würde der Roman zunächst auf ausgetretenen Pfaden wandeln, statt mutig neue Akzente zu setzen.

Dieses Gefühl verstärkt sich im weiteren Verlauf deutlich. Große Teile von „Das Reich der Verdammten“ ziehen sich spürbar in die Länge. Die Handlung kommt nur schleppend voran, Spannungsbögen werden sehr langsam aufgebaut, und als Leser braucht es eine gehörige Portion Durchhaltevermögen, um sich durch lange Passagen zu arbeiten, in denen zwar Atmosphäre und Welt weiter ausgestaltet werden, echte narrative Höhepunkte jedoch ausbleiben. Erst etwa ab der Hälfte des Buches beginnt sich das Blatt zu wenden: Der Stein kommt ins Rollen, die Ereignisse verdichten sich, Konflikte spitzen sich zu, und plötzlich zeigt die Geschichte wieder das Tempo und die Dringlichkeit, die den ersten Band so stark gemacht haben.

Enttäuschend fällt hingegen die charakterliche Entwicklung der Hauptfiguren aus. Während der erste Band noch davon lebte, innere Konflikte offenzulegen, seelische Bruchstellen freizulegen und glaubhafte Veränderungen anzustoßen, tritt dieser Aspekt im zweiten Teil deutlich in den Hintergrund. Die Figuren sind zwar weiterhin klar gezeichnet und wiedererkennbar, bewegen sich jedoch kaum über den Status quo hinaus. Gabriels Zynismus, seine Schuldgefühle und seine selbstzerstörerische Weltsicht werden erneut ausgestellt, aber nur selten hinterfragt oder weitergedacht. Statt neuer Facetten entsteht stellenweise der Eindruck einer Wiederholung bereits bekannter Charakterzüge.

Auch bei den Nebenfiguren bleibt die Entwicklung überschaubar. Beziehungen verändern sich kaum, Dynamiken verharren in bekannten Mustern, und emotionale Wendepunkte, die nachhaltige Konsequenzen nach sich ziehen könnten, werden entweder nur angedeutet oder verpuffen ohne größere Wirkung. Dadurch verlieren selbst dramatische Ereignisse etwas von ihrer emotionalen Durchschlagskraft, weil sie die Figuren nicht sichtbar prägen oder verändern. Gerade in einer Geschichte, die so stark von Leid, Verlust und moralischen Grenzerfahrungen lebt, hätte man erwarten dürfen, dass diese Erfahrungen tiefere Spuren hinterlassen. Das ist besonders schade, weil die Charaktere das emotionale Rückgrat der gesamten Reihe bilden. Ihre unverwechselbaren Stimmen, ihre Traumata und ihre moralischen Grauzonen sind es, die der Handlung Gewicht verleihen und sie über reine Gewalt- und Actionmomente hinausheben. Umso bedauerlicher ist es, dass ihnen in diesem Band die Möglichkeit genommen wird, sich weiterzuentwickeln, alte Überzeugungen zu hinterfragen oder neue innere Konflikte auszubilden. Stattdessen bleiben sie über weite Strecken statisch, wo Bewegung, Reibung und Veränderung der Geschichte zusätzliche Tiefe und emotionale Wucht hätten verleihen können.

In Sachen Ton und Inhalt liefert Kristoff hingegen genau das, was man von guter Dark Fantasy erwartet. Die Welt ist brutal, blutig und gnadenlos. Gewalt wird nicht beschönigt, Verzweiflung und Aussichtslosigkeit bestimmen den Alltag, und Hoffnung scheint ein rares, beinahe lächerliches Gut zu sein. Einen echten Silberstreif am Horizont sucht man vergeblich – und doch liegt genau darin der Reiz. Trotz aller Grausamkeit, trotz aller Abgründe bleibt da diese hartnäckige Hoffnung, dass sich am Ende doch noch etwas zum Besseren wenden könnte. Dieses Spannungsfeld aus totaler Finsternis und leiser, irrationaler Hoffnung hält den Leser bei der Stange.

Unterm Strich bleibt „Das Reich der Verdammten“ ein solider, atmosphärisch dichter Mittelband, der jedoch nicht ganz an die Stärke von „Das Reich der Vampire“ heranreicht. Das berüchtigte Mittelband-Syndrom ist deutlich spürbar: zu viel Stillstand, zu wenig Entwicklung, ein verzögerter Spannungsaufbau. Dennoch legt der Roman einen wichtigen Grundstein für den kommenden Abschlussband und bereitet die Bühne für ein hoffentlich kraftvolles Finale.

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