
Buchinformationen
| Titel | The Last Bloodcarver – Verlorenes Herz |
| Band | 1 von 2 |
| Autor | Vanessa Le |
| Verlag | Arctis Verlag |
| Übersetzung | Tamara Reisinger |
| ISBN | 978-3-03880-229-7 |
| Seitenzahl | 432 |
| Genre | High Fantasy, Dark Fantasy |
| Bewertung | 5 von 5 Sterne |
Klappentext
Von ihren Vorfahren hat Nhika die Fähigkeit geerbt, Körper mit nur einer Berührung zu manipulieren – magische Heilkräfte, zumindest im Glauben ihres Heimatlandes. Doch Nhikas Volk wurde ausgerottet, und in Theumas sind Menschen wie sie als brutale Mörder verschrien und gefürchtet. Als Nhika im Geheimen versucht, einer kranken Frau zu helfen, wird sie erwischt und an die Meistbietenden versteigert: die Aristokratenfamilie Congmi, deren Oberhaupt kürzlich ermordet wurde. Ein mächtiger Mann ist tot, und der einzige Zeuge liegt im Koma – plötzlich sind Nhikas Fähigkeiten gefragt. Während sie unfreiwillig immer tiefer in die Mordermittlungen hineingezogen wird, begegnet ihr ständig der mysteriöse Arztgehilfe Ven Kochin. Nhika weiß, dass sie niemandem vertrauen darf, doch sie braucht Hilfe, denn eins wird ihr schnell klar: Falls sie scheitert, steht nicht nur ihr Leben auf dem Spiel.
Meine Meinung
Es gibt Bücher, die man aufschlägt und innerhalb weniger Seiten meint, das gesamte Drehbuch bereits vor Augen zu haben: bekannte Tropes, vertraute Muster, ein Plot, der vermeintlich schon tausendmal erzählt wurde. Doch manchmal entpuppen sich genau diese Bücher als wahre Überraschungspakete. „The Last Bloodcarver – Verlorenes Herz“ ist eines davon. Was anfangs nach einem weiteren 08/15-Romantasyplot aussieht – mit all den Erwartungen an vorhersehbare Wendungen und austauschbare Figuren – schlägt nur kurz darauf eine völlig andere Richtung ein. Statt Klischees präsentiert das Buch eine überraschend originelle Erzählung, die sich mit jeder Seite dichter, atmosphärischer und komplexer aufbaut. Die Geschichte entfaltet sich wie ein kunstvoll gewobenes Mosaik, dessen Einzelteile erst nach und nach ihren Platz finden und am Ende ein außergewöhnliches, erzählerisch beeindruckendes Gesamtbild ergeben.
Das Setting balanciert zwischen klassischer High Fantasy und einem historischen Flair, das unverkennbar an das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert erinnert. Die Welt wirkt wie ein fiktives Echo der Jahrhundertwende: Pulsierende Städte mit eleganter Architektur, in denen verziertes Eisen, geschwungene Balkone und dampfbetriebene Maschinen eine ästhetische Symbiose eingehen. Straßenlaternen werfen warmes Licht auf Kopfsteinpflaster, während in den Schatten bereits die ersten technischen Neuerungen der Moderne flackern – ein Zeitalter im Übergang, voller Hoffnung, aber auch voller Unruhe. Zwischen all dem entfalten sich gesellschaftliche Spannungen, die diese Epoche so greifbar machen: Traditionen, die sich hartnäckig halten, und neue Ideen, die überall an den Fundamenten rütteln. Die fiktiven Regionen wirken dadurch nicht nur glaubhaft, sondern regelrecht lebendig. Die Mischung aus nostalgischem Charme und fantasievoller Freiheit verleiht der Welt eine unverwechselbare Handschrift, die bereits in den ersten Kapiteln spürbar wird und den Leser mühelos in ihren Bann zieht.
Im Zentrum dieser Welt steht eine Gruppe von Menschen, die über außergewöhnliche heilende Fähigkeiten verfügt: die sogenannten Heartsooths, von der übrigen Bevölkerung jedoch oft abschätzig Bloodcarver genannt. Was sie tun, hat nichts mit herkömmlicher Magie zu tun. Ihre Gabe gleicht vielmehr einer hochpräzisen Wissenschaft, die nur jene beherrschen können, die sich in die Tiefen der menschlichen Anatomie vertiefen. Jeder Blutfluss, jedes Organ, jeder Muskelstrang muss verstanden werden, bevor Heilung möglich ist. Diese wissenschaftliche Grundlage macht die medizinischen Passagen des Romans zu einem zentralen und erstaunlich detailverliebten Element – fast schon wie ein Blick in ein alchemistisches Lehrbuch, das Körper und Geist miteinander verknüpft. Doch gerade diese Besonderheit führt dazu, dass Heartsooths am Rand der Gesellschaft stehen. Ihre Fähigkeiten werden nicht bewundert, sondern gefürchtet. Wer sich offen zu erkennen gibt, lebt gefährlich. So bleibt auch Nhika, selbst eine Heartsooth, im Verborgenen. Sie setzt ihre Gabe nur im Geheimen ein, immer mit dem Wissen, dass ein einziger Fehltritt ihr Leben verändern könnte. Als dieser Moment schließlich eintritt und ihre Fähigkeiten ans Licht geraten, wird sie in eine Kette von Ereignissen gestoßen, die weit über alles hinausreichen, was sie sich je vorstellen konnte. Plötzlich findet sie sich wieder in einem Geflecht aus Intrigen, politischen Machtspielen und versteckten Fronten, die in den Schatten der Gesellschaft lauern. Die Geschichte entwickelt dabei eine fesselnde Dynamik, die sich weniger auf Romantik stützt, sondern vielmehr auf das stetige Gefühl eines drohenden Rätsels – eine Mischung aus Gefahr, Geheimnissen und Spannungsmomenten, die eher an ein ausgeklügeltes Murder Mystery erinnert als an klassische Fantasy.
Der Großteil des Buches orientiert sich deshalb an der Struktur eines klassischen Murder Mystery, jedoch eingebettet in ein komplexes, von Geheimnissen durchzogenes Fantasysetting. Ermittlungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Handlung: kryptische Spuren tauchen auf, falsche Fährten führen in die Irre, und hinter höflichen Fassaden verbergen sich Wahrheiten, die niemand aussprechen will. Immer wieder werden Lügen entlarvt, Motive aufgedeckt und Zusammenhänge sichtbar, die zuvor wie lose Einzelteile wirkten. Besonders spannend ist, wie stark die medizinische Komponente in diese Ermittlungsarbeit hineinspielt. Nhikas Kenntnisse über Körper, Verletzungen und innere Abläufe werden zu einem Schlüssel, um Rätsel zu entschlüsseln, Tatmuster zu erkennen und Vermutungen aufzustellen, die tief in die wissenschaftliche Logik eingebettet sind.
Und auch wenn es eine romantische Note gibt, wirkt sie nicht wie ein aufgesetztes Pflichtprogramm. Stattdessen bleibt sie angenehm zurückhaltend, ein leiser Unterton, der die Handlung ergänzt, ohne sie je zu dominieren. Die Beziehung entfaltet sich subtil, beinahe vorsichtig – weit entfernt von den überdramatischen Liebesgeschichten, die das Genre leider viel zu oft prägen. Gerade dieser ungewöhnliche Schwerpunkt, der die Fantasykulisse mit der Spannung eines Detektivromans und der Präzision medizinischer Beobachtungen verbindet, macht das Werk zu einem erfrischenden Außenseiter innerhalb des Genres – und zwar im absolut besten Sinne.
Besonders hervorzuheben ist das Ende, das mit einer Wucht einschlägt, die man dem Roman anfangs kaum zutraut. Überraschend, mutig und emotional tiefgreifend führt es all die zuvor gesponnenen Fäden auf eine Weise zusammen, die gleichermaßen konsequent wie völlig unvorhersehbar wirkt. Kaum ein Buch wagt es, so entschieden aus den erwartbaren Bahnen auszubrechen und zugleich eine solche emotionale Resonanz zu hinterlassen. Dieser Abschluss fühlt sich an wie ein kraftvolles Ausrufezeichen – ein Moment, der noch lange im Gedächtnis nachhallt und den Eindruck bekräftigt, ein außergewöhnliches Werk in den Händen gehalten zu haben. Zugleich weckt er eine beinahe fiebrige Vorfreude auf den nächsten Band, der nach diesem Finale dringender denn je herbeigesehnt wird.
„The Last Bloodcarver – Verlorenes Herz“ verbindet die Faszination einer ausgefeilten Own-Universe-Fantasy mit einer bemerkenswerten wissenschaftlichen Präzision, gesellschaftlicher Komplexität und der spannungsvollen Raffinesse eines Mystery-Plots. Es ist jener seltene Roman, der leise erschienen ist und dennoch das Potenzial trägt, sich zu einem echten Geheimtipp für alle zu entwickeln, die im Fantasygenre nach frischen, unerwarteten Ideen suchen. Die atmosphärische Dichte, die durchdachte Welt und der außergewöhnliche Erzählansatz machen das Buch zu einem fesselnden Erlebnis, das viel mehr Aufmerksamkeit verdient, als es bisher erhalten hat.
Hinterlasse einen Kommentar