
Buchinformationen
| Titel | Daughter of Chaos – Die Lüge der Götter |
| Band | 1 von 3 |
| Autor | A. S. Webb |
| Verlag | Penhaligon |
| Übersetzung | Charlotte Lungstrass-Kapfer |
| ISBN | 978-3-764-53345-8 |
| Seitenzahl | 560 |
| Genre | Classical Fantasy |
| Bewertung | 5 von 5 Sterne |
Klappentext
Im antiken Griechenland klammern sich die Menschen an diese uralte Prophezeiung, laut der eine Frau die gnadenlose Herrschaft der Götter beenden wird. Fischerstochter Danae kannte nie etwas anderes als Gehorsam den grausamen Gottheiten gegenüber – bis zu dem Tag, an dem sie mysteriöse Kräfte zu entwickeln beginnt und einen Skandal entfacht. An der Seite von Herakles macht Danae sich auf, legendäre Monster zu jagen. Doch es sind die Götter des Olymps, auf deren Fährte sie ist.
Meine Meinung
Griechische Mythologie ist ein reichhaltiger Boden für fantastische Geschichten – das beweisen zahllose Romane, von Klassikern bis hin zu modernen Adaptionen. Doch A. S. Webb schafft mit „Daughter of Chaos – Die Lüge der Götter“ etwas ganz Besonderes: einen Auftakt, der nicht nur vertraute Göttergestalten in ein neues Licht rückt, sondern dies in einem Erzählstil tut, der an epische Sagen erinnert – dabei jedoch zugänglich, atmosphärisch und durchweg fesselnd bleibt.
Was wäre, wenn all das, was wir über Zeus, Hera und die übrigen Götter der Antike zu wissen glauben – ihre Größe, ihre Weisheit, ihre Unfehlbarkeit – nur ein sorgsam gepflegter Schleier wäre? Wenn sich hinter den vertrauten Mythen eine ganz andere Wahrheit verbirgt? A. S. Webb wagt genau diesen Gedanken – und entwirft ein Götterbild, das so facettenreich wie verstörend ist. In „Daughter of Chaos“ sind die olympischen Mächte keine Lichtgestalten auf goldenen Thronen, sondern zutiefst widersprüchliche, mitunter kaltherzige Wesen, deren Entscheidungen nicht von Moral, sondern von Machtgier, Angst und uralten Fehden geprägt sind. Die Autorin entmystifiziert nicht nur, sie dekonstruiert – und schafft damit Raum für neue Fragen: Was ist göttlich, wenn Götter lügen? Wem kann man vertrauen, wenn selbst das Schicksal manipuliert wird? Webb zeichnet ihre Götter nicht schwarz-weiß, sondern in Zwischentönen, mit Ecken und Kanten, Geheimnissen und Schwächen. Diese Interpretation ist nicht nur erfrischend anders, sondern auch zutiefst fesselnd – weil sie das scheinbar Bekannte in ein neues Licht taucht. Der Kontrast zu traditionellen Götterdarstellungen verleiht der Geschichte eine bedrückende, fast mystische Spannung. Nichts ist sicher, nichts ist heilig – und genau darin liegt der Reiz. Diese Neuinterpretation macht nicht nur neugierig, sondern wirkt lange nach. Sie regt zum Nachdenken an über Macht, Wahrheit und das Wesen der Legenden, die wir seit Jahrhunderten weitererzählen. Und sie macht eines ganz klar: Wir stehen erst am Anfang einer Geschichte, die uns die Götter mit anderen Augen sehen lassen wird.
Stilistisch bewegt sich „Daughter of Chaos“ auf vertrautem Boden für alle, die klassische Fantasy mit literarischem Anspruch lieben. Der Roman erinnert in seiner Tonalität und Erzählweise an Werke wie Madeline Millers „Das Lied des Achill“ – nicht zuletzt wegen der mythologischen Thematik und dem bewusst getragenen, fast epischen Sprachstil. Doch wo Miller mit dichter, manchmal anspruchsvoller Prosa arbeitet, wählt A. S. Webb einen zugänglicheren Weg: Ihre Sprache ist klar, bildhaft und durchdrungen von einem sanften, poetischen Klang, der sich mühelos lesen lässt, ohne an Tiefe zu verlieren.
Webb schafft es, mit wenigen Worten eine dichte Atmosphäre zu erzeugen – eine Welt, die lebendig wirkt, aber stets von etwas Unausgesprochenem durchzogen ist. Diese subtile Melancholie, die sich wie ein feiner Schleier über die Geschichte legt, passt perfekt zu Danaes innerem Konflikt und der übergeordneten Thematik von Wahrheit, Verrat und göttlicher Manipulation. Es ist ein Stil, der einlädt zum Innehalten, zum Verweilen – und der dennoch nie an Klarheit oder Spannung verliert. Besonders eindrucksvoll ist, wie Webb mythologische Motive und Figuren in ihre Erzählung einbettet, ohne dass man ein vertieftes Vorwissen über griechische Sagen mitbringen muss. Für Kenner offenbaren sich viele versteckte Anspielungen und fein verwobene Details, doch auch Neueinsteiger in die Welt der antiken Mythen werden von der schlüssigen und feinfühligen Darstellung abgeholt. So gelingt der Spagat zwischen literarischem Anspruch und Lesefreude – ein Balanceakt, der „Daughter of Chaos“ zu etwas Besonderem macht.
Zugegeben, „Daughter of Chaos“ ist kein atemloser Pageturner. Webb nimmt sich Zeit für ihre Figuren, für die Welt, für die leisen Zwischentöne. Doch genau das macht den Reiz aus. Statt dramatischer Cliffhanger reiht sie kleine Enthüllungen, stille Konflikte und emotionale Tiefe aneinander – und schafft so eine Spannung, die unterschwellig wirkt, aber nie abreißt. Der Roman bleibt konstant interessant, ohne in Hektik zu verfallen.
Das unbestrittene Herzstück der Geschichte ist Danae – eine Protagonistin, die unter die Haut geht. Was zunächst als Erzählung über ein junges Mädchen beginnt, das von äußeren Umständen und göttlicher Willkür gezeichnet ist, entfaltet sich nach und nach zu einem eindrucksvollen, feinfühligen Charakterporträt. Danae ist keine Heldin im klassischen Sinne – sie ist verwundbar, zweifelnd, oft zerrissen zwischen dem, was sie fühlt, und dem, was von ihr erwartet wird. Doch genau darin liegt ihre Stärke: in der Unvollkommenheit, in ihrer Menschlichkeit. Webb schenkt ihrer Figur Raum zum Wachsen – und dieser Weg ist alles andere als geradlinig. Danaes Entwicklung geschieht nicht über Nacht, sondern in kleinen, glaubwürdigen Schritten. Ihre Wut auf die Götter, ihr innerer Widerstand gegen das ihr aufgezwungene Schicksal, ihre Suche nach Wahrheit und Identität – all das ist greifbar, intensiv und zutiefst bewegend geschildert. Man leidet mit ihr, zweifelt mit ihr, hofft mit ihr. Besonders eindrucksvoll ist, wie sehr Danae im Laufe der Geschichte an innerer Kraft gewinnt, ohne ihre Verletzlichkeit zu verlieren. Sie wird nicht zur überhöhten Retterin, sondern bleibt eine Figur mit Brüchen, mit Tiefe, mit Herz. Diese Balance zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit gelingt nur wenigen Autoren – doch A. S. Webb trifft genau den richtigen Ton. Am Ende bleibt Danae nicht nur als literarische Figur in Erinnerung, sondern als Mensch – als jemand, den man begleiten möchte, weiter durch alle Höhen und Tiefen, durch Kämpfe und Erkenntnisse. Ihre Geschichte macht Mut, rührt an etwas Ursprüngliches – und begleitet einen noch lange nach der letzten Seite.
Gerade in dem Moment, in dem Danaes Welt greifbar scheint und sich erste Zusammenhänge offenbaren, hebt A. S. Webb die Geschichte auf ein neues Level. Eine Enthüllung gegen Ende des Romans wirbelt alles bisher Geglaubte durcheinander und bringt eine neue, dunklere Dimension ans Licht. Ohne zu viel vorwegzunehmen: Die titelgebende „Lüge der Götter“ entpuppt sich als tiefgreifender und weitreichender, als zunächst vermutet. Es wird deutlich, dass dies nur der Anfang ist – ein erster Blick auf ein Geflecht aus Intrigen, Machtspielen und verborgenen Wahrheiten. Der Schlussakkord trifft mit Nachdruck – und lässt die Spannung auf die kommenden Bände in die Höhe schnellen.
„Daughter of Chaos – Die Lüge der Götter“ zählt zweifellos zu den herausragenden Fantasy-Titeln des Jahres. A. S. Webb beweist eindrucksvoll, dass klassische mythologische Stoffe noch immer überraschen und fesseln können – vorausgesetzt, sie werden mit Mut, erzählerischer Feinfühligkeit und einer vielschichtigen Hauptfigur neu erzählt. Das Buch bietet ein ruhiges, aber intensives Leseerlebnis, das sowohl inhaltlich als auch stilistisch überzeugt. Für alle, die sich nach tiefgründiger Fantasy mit mythologischem Unterton sehnen, ist dieser Roman eine klare Empfehlung. Der Ausblick auf die kommenden Bände verspricht Großes – und macht das Warten zur spannungsvollen Geduldsprobe.
[unbezahlte Werbung | Rezensionsexemplar]
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