
Buchinformationen
| Titel | Das Herz der verlorenen Dinge |
| Band | Einzelband |
| Autor | Tad Williams |
| Verlag | Hobbitpresse |
| Übersetzung | Cornelia Holfelder-von der Tann |
| ISBN | 978-3-608-96399-1 |
| Seitenzahl | 384 |
| Genre | High Fantasy |
| Bewertung | 4 von 5 Sterne |
Klappentext
Osten Ard steht erneut am Scheideweg. König Simons und Herzog Isgrimnurs Kriegern ist es gelungen, das Elbenvolk zurück in ihre Hochburg in den Bergen zu drängen. Der Krieg scheint vorbei, aber das Töten dauert an. Die Sterblichen begnügen sich nicht mit ihrem Sieg, sie trachten danach, das Volk der Nornen gänzlich auszulöschen. Da verbreitet sich die Kunde, dass die uralte Nornenkönigin Utuk’ku gar nicht tot ist, sondern nur in einem todesähnlichen Schlaf liegt, von dem sie zurückkehren wird …
Meine Meinung
Fans von epischer Fantasy kennen und lieben Tad Williams für seine unvergessliche Osten-Ard-Saga. Mit dem Buch „Das Herz der verlorenen Dinge“ kehrt er nach Jahren zur Welt von Osten Ard zurück und schließt nahtlos an die Ereignisse der Ursprungsreihe an. Dieses Buch ist quasi die Brücke zwischen der alten und der neuen Reihe – jedoch auch eine eigenständige Geschichte, die auch den Einstieg in das Universum ermöglicht.
Die Geschichte setzt dort an, wo „Der Engelsturm“ (der vierte Band der Originalreihe) endet: Der grausame Krieg gegen die Nornen – das unsterbliche Volk aus den Nebelbergen – ist vorbei, doch die Nachwirkungen sind noch spürbar. Die Menschen von Osten Ard, angeführt von Herzog Isgrimnur, verfolgen die überlebenden Nornen in ihr angestammtes Reich, um die Gefahr ein für alle Mal zu bannen.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen nicht nur die Menschen, sondern auch die Nornen selbst, allen voran die junge Kriegerin Viyeki. Williams gewährt den Lesern intime Einblicke in die Perspektive der Nornen, ihrer Kultur und ihrer verzweifelten Lage. Dies ist eine der großen Stärken des Buches: die Grautöne zwischen Gut und Böse, die die Konflikte komplex und nachvollziehbar machen.
Williams’ Schreibstil bleibt so bildgewaltig und poetisch wie eh und je. Seine Beschreibungen der winterlichen Landschaften von Osten Ard ziehen den Leser tief in die Geschichte hinein. Mit meisterhafter Präzision malt er Bilder von schneebedeckten Bergen, eisverkrusteten Wäldern und endlosen, sturmgepeitschten Ebenen – Landschaften, die nicht nur Kulisse, sondern selbst ein Charakter der Geschichte sind. Die Atmosphäre ist von einer kühlen Melancholie durchzogen, die die Herausforderungen und Verluste der Figuren widerspiegelt. Gleichzeitig widmet sich Williams auf tiefgründige Weise zentralen Themen wie Vergeltung, Verlust und der Möglichkeit von Versöhnung. Er stellt Fragen, die sich auch auf unsere eigene Welt beziehen lassen: Wie können Völker mit langen Geschichten von Feindschaft und Missverständnissen jemals einen Weg zum Frieden finden? Der Autor spart dabei nicht an emotionaler Tiefe, indem er die innere Zerrissenheit seiner Figuren beleuchtet, die zwischen Pflichtgefühl und Mitgefühl schwanken. Diese thematische Dichte verleiht dem Werk eine zeitlose Relevanz.
Leider ziehen sich viele Passagen des Buches in die Länge, was insbesondere angesichts der vergleichsweise knappen Seitenzahl etwas enttäuschend ist. Diese Streckungen nehmen dem Erzähltempo spürbar die Dynamik und lassen manche Szenen weniger prägnant wirken, als sie sein könnten. Dadurch kann es passieren, dass die Spannung zeitweise ins Stocken gerät, obwohl die Geschichte selbst viel Potenzial bietet.
Mit „Das Herz der verlorenen Dinge“ beweist Tad Williams erneut, warum er zu den Meistererzählern der Fantasy gehört. Das Buch ist eine gelungene Mischung aus nostalgischer Rückkehr und frischem Wind, das die Leser emotional und intellektuell anspricht. Wer Osten Ard schon kennt, wird begeistert sein, in diese Welt zurückzukehren. Und wer sie noch nicht kennt, findet hier einen wunderbaren Einstieg in eine der reichhaltigsten Fantasy-Welten, die je erschaffen wurden.
Hinterlasse einen Kommentar